Unter zahnlosen Tigern
Er galt bis vor Kurzem als mutloser Minister. Als Cem Özdemir mit großen Worten und noch größeren Plänen antrat, begrüßte ihn der Bio-Sektor mit offenen Armen. Endlich keine komplett ahnungslose Ministerin mehr im Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung, sondern einer, der zumindest grün daherkommt! Umso größer fällt jetzt die Ernüchterung aus. Cem Özdemir mutiert vom mutlosen Minister zum zahnlosen Tiger. Bestes Beispiel: das Tierwohllabel. Okay, es soll eine eigene Stufe für Bio geben, aber beim Platz pro Tier machte Özdemir bereits Abstriche. Prompt rudert er jetzt bei der Geschlechterbestimmung im Ei zurück und plant eine Gesetzeslockerung. Özdemir will die umstrittene Methode per Elektroenzephalogramm (EEG) bis zum zwölften Bebrütungstag erlauben. Ursprünglich als Grenze festgelegt war der siebte Tag – bis plötzlich auffiel, dass es den Brütereien schlicht an der notwendigen Technik fehlt. Nicht mangels finanzieller Mittel, sondern weil die notwendigen Apparaturen noch mitten in der Entwicklung stecken. Wie praktisch, dass prompt eine vom BMEL beauftragte Studie auftaucht, die belegt, dass es dem Küken im Ei an der Schale vorbeigeht, was da so alles mit ihm passiert. Schmerzempfinden? Ach, woher denn?! Das Schlupfloch für die Geflügelbranche fällt zwar kleiner aus – bleibt aber bestehen. Immerhin schielt der Minister für die Außer-Hausverpflegung nach Dänemark und plant ein neues, dreistufiges Öko-Label. Mal schauen, ob er sich diesmal nicht vom Kurs abbringen lässt. Bedenkenträger gibt es immer – wie bei der Cannabis-Legalisierung. Hier zeigte sich Özdemir mit Gesundheitsminister Karl Lauterbach – gemeinsam rudert es sich halt besser zurück. Das belegt auch die Ampel-Koalition eindrucksvoll, in dem sie nun das festgezurrte Klimaziel in einen großen Topf wirft – anstatt die Ressorts allesamt und jedes für sich in die Verantwortung zu nehmen. Ein zahnloser Tiger kommt eben selten allein. Immerhin, es blieb beim Atomausstieg. Das ist doch mal eine gute Nachricht! Ein Schelm, wer nun Böses denkt und glaubt, dass wir Cem Özdemir nicht wohlgesonnen gegenüberstehen. Nein, wir sind nicht nachtragend – und wir nehmen uns auch nicht wichtig. Wir warten gerne weit mehr als ein Jahr auf ein Interview. Schließlich gibt es auch sonst eine Menge Arbeit im Bio-Sektor.

